„Train the Trainer“ in Palästina 2018

Im Sommer 2018 realisierte die ParkourONE Academy zum zweiten Mal erfolgreich ein Projekt in Palästina. Das Ziel war es, aufbauend auf dem ersten Besuch im Gazastreifen 2016, ein «Train the Trainer» durchzuführen, um Traceuren und Lehrpersonen in einer mehrtätigen Weiterbildung Parkour nach TRuST als Unterrichtswerkzeug mitzugeben. Entgegen der ursprünglichen Planung, je eine Weiterbildung in Gaza und in der Westbank durchzuführen, war es aufgrund der aktuellen humanitären und politischen Lage nicht möglich, in den Gazastreifen zu reisen. Das Projekt, das wie 2016 in enger Zusammenarbeit mit Caritas Schweiz entstand, konnte aber in der Westbank wie geplant durchgeführt werden.

Geopolitische Situation in der Westbank

1988 wurde Palästina vom palästinensischen Nationalrat als unabhängig erklärt. Das Staatsgebiet umfasst, gemäss der grünen Grenze von 1967, die Westbank und den Gazastreifen. Viele UN-Mitgliedstaaten anerkennen Palästina als Staat, wobei die meisten westlichen Staaten (u.a. der Grossteil Europas, Nordamerika inkl. Kanada, Grönland, Australien, Neuseeland) dies nicht tun. So fehlt international die Anerkennung von Palästina als eigener Staat, in der UN hat Palästina seit 2002 Beobachterstatus. (lpb 2014) Der Gazastreifen (ca. 2 Millionen Einwohner) wird von der radikalen Hamas kontrolliert und ist durch einen Grenzzaun von Israel abgeriegelt (Auswärtiges Amt 2018). Die Westbank (ca. 3 Millionen Einwohner) steht nicht unter einheitlicher palästinensischer Verwaltung: Sie ist in drei Verwaltungszonen A, B und C unterteilt. Die Zone A (ca. 17%) wird von der palästinensischen Autonomiebehörde kontrolliert. Die Area B (ca. 24%) steht zwar unter palästinensischer Administration, Israel hat aber die Kontrolle über die Sicherheit im entsprechenden Gebiet. Die Area C (ca. 59%) wird von Israel verwaltet und umfasst neben palästinensischen Dörfern grösstenteils die durch israelische Siedlungen besetzten Gebiete. (lpb 2014) Palästina ist in vielen Bereichen von Israel abhängig. So ist beispielsweise die wirtschaftliche Entwicklung durch Einschränkungen von Seiten Israels in Bezug auf den Personen- und Güterverkehr behindert. Auch die Abriegelung von Gebieten, die Inbesitznahme von palästinensischem Land für den Bau von israelischen Siedlungen und die Zerstörung israelischer Infrastruktur schränken ein wirtschaftliches Wachstum ein. Die Palästinenser_innen können sich je nach Aufenthaltsausweis kaum frei bewegen, an vielen Checkpoints werden sie kontrolliert und in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt (LIP 2018). Das durchschnittliche monatliche Einkommen in den palästinensischen Gebieten in der Westbank ist verhältnismässig tief, die Arbeitslosenquote liegt bei ca. 17%, jene für junge Menschen zwischen 20 und 24 Jahren liegt gar bei knapp 50% (LIP 2018).

Projektzusammenarbeit

Wie bereits 2016 entstand das Projekt in enger Zusammenarbeit mit Caritas Schweiz. Die ParkourONE Academy trug die Verantwortung für die inhaltliche Planung, die Konzeption und die Ausführung vor Ort. Caritas Schweiz hatte die Hauptverantwortung für die ganze Organisation vor Ort. Ebenfalls Partner waren die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ), der zivile Friedensdienst (zfd) und der christliche Friedensdienst (cfd).

Ziele und Ablauf

Die Ausschreibung der Weiterbildung im Gazastreifen und der Westbank richtete sich an weibliche und männliche Traceure, Lehrkräfte und Jugendarbeiter_innen. Das Ziel war es, dass schlussendlich 24 Männer und 24 Frauen die Weiterbildung mit der Absicht besuchen würden, später mit Hilfe von Parkour nach TRuST Kinder und Jugendliche zu unterrichten. Aufgrund der aktuellen Lage in Gaza erhielten unsere Coaches leider keine Permits, um in den Gazastreifen zu reisen. Das Projekt beschränkte sich also auf die Westbank. Am Ende der Weiterbildung konnten wir 7 Frauen und 13 Männern ein Zertifikat überreichen.

Die Weiterbildung war in drei Teile gegliedert und fand im Juli und August 2018 statt. Alle drei Teile enthielten praktischen und theoretischen Unterricht, der letzte Teil bestand zudem aus Workshops mit Kindern. Hier gab es für die Teilnehmenden der Weiterbildung die Möglichkeit, den Unterricht eins zu eins zu erleben, zu begleiten und erste Erfahrungen im Unterrichten von Parkour zu sammeln.

Längerfristig ist das Ziel dieses Multiplikatorentrainings, möglichst vielen Kindern die Möglichkeit zu bieten, in irgendeiner Form Parkour zu trainieren und etwas von unserer Philosophie mitzunehmen. Dadurch soll eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung geschaffen werden, die wenig Equipment erfordert und die Kids in Selbstvertrauen und Selbstwirksamkeit stärkt.

Erreichtes

Mit unserem zweiten Besuch in Palästina konnte ein weiteres Pilotprojekt erfolgreich abgeschlossen und wichtige Learnings daraus gezogen werden. In folgenden Bereichen konnten Fortschritte beobachtet und Ziele erreicht werden:

(Gender-)Gleichheit fördern: Die palästinensische Gesellschaft ist keineswegs eine homogene Gruppe. Dies konnten wir unter den Teilnehmenden der Weiterbildung stark beobachten: Es nahmen muslimische, christliche, konservativere und weniger konservative Palästinenser_innen ganz unterschiedlicher Herkunft teil. All diese Faktoren spielten in der Weiterbildung kaum eine Rolle, einzig die Genderthematik war präsent. Es war toll zu sehen, dass sich so viele Frauen für die Weiterbildung angemeldet hatten. Die Frauengruppe war trotz unterschiedlicher Erfahrungsbasis mit Bewegung äusserst motiviert und konzentriert. Die theoretischen Inputs fanden gemischt, die praktischen Teile in geschlechtergetrennten Gruppen statt. lljana hatte als aktive Traceurin insbesondere  den weiblichen Teilnehmerinnen gegenüber klar eine Vorbildfunktion.

Auseinandersetzung mit dem öffentlichen Raum: Bereits in der Planungsphase war es uns ein wichtiges Anliegen, dass die praktischen Teile der Weiterbildung draussen und nicht in einer Halle stattfinden konnten. Dank der grossartigen Organisation von Caritas Schweiz durften wir das Gelände des Talitha Kumi, einer Schule mit Gasthaus in der Nähe von Betlehem, frei nutzen. Durch den geschützten Rahmen der Anlage war es auch für die muslimischen Frauen möglich, ohne fremde Beobachtung draussen zu trainieren. Viele palästinensische Traceure und Freerunner sind es gewohnt, in Hallen zu trainieren. Oft ist der Grund dafür, dass kaum öffentliche Plätze zur Verfügung stehen, die ohne Weiteres genutzt werden dürfen. Auch für Kids ist es nicht selbstverständlich, draussen in den Strassen zu spielen und sich zu bewegen. In dem Sinne war es für alle, Frauen, Männer und Kids, eine neue Erfahrung, sich ohne Einschränkung draussen zu bewegen und die vorhandene Infrastruktur kreativ nutzen zu können.

Defragmentierung: Die Teilnehmenden der Weiterbildung kamen aus der ganzen Westbank: Vielen kamen aus der Umgebung von Betlehem, Jerusalem oder Ramallah, einzelne der Männer kamen aber auch von Nablus oder Jenin. Insbesondere in den Pausen und nach Unterrichtsende fand ein Austausch zwischen den Teilnehmenden statt, was einen kleinen Beitrag zur Defragmentierung der Westbank leisten konnte.

Kontakt zu Parkour-Communities vor Ort: Sehr wertvoll war für uns der Kontakt zu einzelnen Traceuren aus Betlehem, Jerusalem und Ramallah. Im Gespräch zeigte sich, dass auch hier, wie in Gaza, zwar aktive Communities bestehen, diese aber kaum über Erfahrung im Unterrichten von Kindern und Jugendlichen verfügen. Das Interesse an vertieften Weiterbildungseinheiten für parkourerfahrene Traceure im Bereich der Didaktik ist vorhanden. Hier gibt es für uns wichtige Anknüpfungspunkte, die unbedingt gepflegt werden müssen.

Erfahrungen zum Kontext: Last but not least konnten wir wieder wichtige Erfahrungen im Kontext von Palästina sammeln. Diese werden in der Nachbearbeitung reflektiert und sollen dazu beitragen, unsere Unterrichtsqualität in diesem Kontext zu verbessern.

Ausblick

Dass wir nicht in den Gazastreifen reisen konnten war sowohl für uns als auch für unsere Freunde und Freundinnen vor Ort eine Enttäuschung. Wir sind überzeugt, dass wir auch in Gaza mit unserer Arbeit einen positiven Impact haben können und freuen uns darauf, hoffentlich im nächsten Jahr hinreisen zu können. Ebenso freuen wir uns darauf, die Teilnehmenden der Weiterbildung in der Westbank nächstes Jahr wieder zu treffen und und sie in ihrer Entwicklung zu begleiten.

Projektausschreibung in Englisch und Arabisch

Projektausschreibung in Englisch

Projektausschreibung in Arabisch

Video-Dokumentation 'Train the Trainer' Palestine 2018

Bildergalerie

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Literaturverzeichnis

  •  LIP (2018): Palästinensische Gebiete: Wirtschaft & Entwicklung. Webdokument. URL https://www.liportal.de/palaestinensische-gebiete/wirtschaft-entwicklung/ (letzter Zugriff: 16.08.18)
  • Auswärtiges Amt (2018): Palästinensische Gebiete. Webdokument. URL: https://www.auswaertiges-amt.de/de/aussenpolitik/laender/palaestinensischegebiete-node/palaestinensischegebiete/203564 (letzter Zugriff: 16.08.18)
  • Lpb (2014): Geschichte Palästinas. Webdokument. URL: https://www.lpb-bw.de/geschichte-palaestinas.html (letzter Zugriff: 16.08.18)
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