How dangerous is it to travel to the Gaza Strip?

How scared was I before, during and after my journey to the Gaza Strip? Counter question: How dangerous is a precision jump onto a rail at a height of 5 meters?

I could give an overly intellectual answer to this, citing definitions of danger and risk. However, I would rather like to give a personal answer. In hindsight the answer to the question of how dangerous it was for me to travel to the Gaza Strip is simple: It wasn’t dangerous.

 

Anyways I was still afraid!

During the 11 days we spent there we witnessed an airstrike and a counterstrike about 10 kilometers from the place we were staying at in the north of Gaza.

We could hear explosions everyday coming from the sea and the buzzing of the drones was a steady acoustic, yet invisible companion.

Daily power outages were another steady reminder of where we were. Still at the end of my stay in Gaza I felt completely safe and free of fear. Why?

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Traceure verstehen sich – Gespräch zwischen den Traceuren von ParkourONE und Parkour Gaza (picture by stavrography)

As Traceurs we know fear well.

In our art of movement we frequently expose ourselves to seemingly dangerous and risky situations. But we don’t do so carelessly. Because through Parkour we learn to handle fear and the accompanying emotions as well as strategies to overcome obstacles (real and metaphorically).

How we handle our fear literally lies in our hands. I prepare myself for a jump with very small steps by testing a similar jump in a similar but less scary context.

My preparations before a jump are calm and thoughtful, the opposite of Adrenaline fueled.

Our journey to Gaza was prepared just as thoughtful. Planing took about 15 months.

The project was supposed to start earlier – but was delayed repeatedly because of safety concerns.

 

Preparation and working with small success in Parkour is crucial to me. But eventually I’ll take a confident leap out of my comfort zone.

Hopefully every Traceur and Traceuse knows this feeling. I don’t like to leave my comfort zone, but I’ll try in almost every training. Something pulls me towards it, something feels good about it (which is why we do it), and at the same time something feels bad about it (which is why it’s so essential and meaningful). Maybe it’s a generalization, but hardly any of us enjoy jumping into the uncertain.

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Ein Geschenk zum Ausdruck der Dankbarkeit und der Wertschätzung (picture by stavrography)
Ich verlasse meine Komfortzone zwar nicht gerne, aber ich versuche, dies in nahezu jedem Training zu erreichen. Irgendetwas zieht mich dorthin und irgendetwas fühlt sich daran gut (darum machen wir das) und zugleich schlecht (darum ist es so wesentlich und bedeutungsvoll) an. Es mag vielleicht eine Verallgemeinerung sein, aber wenige von uns springen wirklich gerne ins Ungewisse.

Gaza war für mich ein riesiger Sprung ins Ungewisse und Unbekannte. Das Ungewisse war das, was mir Bedenken bereitet hat. Was für mich (und ggf. Traceure) hinzukommt: Bei Sprüngen verlassen wir uns jedes Mal ausschließlich auf unsere eigenen Fähigkeiten. Bei der Reise nach Gaza war ich gezwungen, hunderten von Menschen blind zu vertrauen, die ich noch nicht einmal kannte.
Was mich im Vorfeld verunsichert hat, waren die Absagen und Bekundungen von Freunden und Freundinnen: „Das würde ich mich aber nicht trauen, ich habe mein Leben noch nicht aufgegeben“. Keine Sorge, ich habe mein Leben auch noch nicht aufgegeben. Aber wenn jemand so eine ähnliche Aussage getroffen hat, dann habe ich mich gefragt: Bin ich wirklich so fahrlässig? Dennoch hat sich mein Entschluss weiter gefestigt und die Neugier und die Abenteuerlust sind gestiegen. Die Verabschiedungen von Freunden und Familie waren trotzdem intensiver als vor anderen Reisen.

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Gespräch nach dem Parkour-Workshop (pictures by stavrography)

Ein wichtiger Vorbereitungsschritt war es, einen zuverlässigen Partner zu haben. Daher war ich froh mit einem professionellen Partner (Caritas Schweiz) vor Ort zu sein. Die UN-Flagge auf unserem Appartement in Gaza-Stadt hat mir zusätzlich ein beruhigendes Gefühl gegeben. Das Caritasprozedere im Vorfeld war ausführlich und umfassend. Wir mussten Vorbereitungen treffen, falls wir entführt würden und es gab Sicherheitsmanuals wie man sich bei Schießereien, Erbeben oder einer Evakuierung verhalten muss. Es beruhigte mich zu wissen, dass es Leute gibt, die länger und intensiver in einer Krisenregion arbeiten und leben. Samson von ParkourONE sieht das übrigens sehr rational: Wenn andere Caritas-/UN-Mitarbeiter_innen dort hinfahren, dann wird es schon nicht so schlimm sein: „Man fährt da nicht zum Sterben hin.“

 Die Menschen vor Ort haben uns sehr herzlich empfangen und machten diese Reise zu der, die sie war: sicher, freundschaftlich und intensiv.

Ein weiterer Vorbereitungsschritt war das Thema Versicherung und Krankenversorgung:
Es gibt in Deutschland keine Unfall-Versicherung, die den Aufenthalt in einem Land versichert, für welches das Auswärtige Amt eine Reisewarnung ausgesprochen hat. Gaza fällt in diese Kategorie. Nüchtern betrachtet kann auch eine Versicherung nicht vor Schaden schützen, sie kann nur die Kosten im Nachhinein mildern. Rückblickend gesehen hatte ich einen Sprung (von einem wackeligen/angerosten/löchrigen Metallpfahl auf eine Mauer) den ich gemacht habe, bei dem mir der Gedanke durch den Kopf gegangen ist: „Was ist, wenn ich mich jetzt hier verletze?“

Parkour verbindet Menschen unterschiedlichster Herkunft – Instant Log von Philipp Raasch

Mein Eindruck ist, dass der Konflikt in Gaza innerhalb von Stunden eskalieren kann – und dann herrscht Krieg. Die Stimmung in der Stadt war nach den Luftanschlägen anders. Es war ruhiger, weniger hupende Autos, keine Hochzeitskorsos an dem Abend. In den Tagen danach wurden die Drohnengeräusche lauter. Es hängt eben nicht nur davon ab, was ich mache und wie ich mich verhalte, sondern auch, was politisch in dieser Region geschieht. Ich hatte relativ schnell keine Angst mehr dort zu sein (mal abgesehen von der kurzen Ungewissheit bei der Meldung über den Luftangriff). Das ist eine Erkenntnis, die ich mitnehme: Wir Menschen haben Angst vor dem Unbekannten und dem Ungewissen. Werden Situationen real, werden diese Ängste mit realen Fakten und Erlebnissen entkräftet. Die Menschen vor Ort haben uns sehr herzlich empfangen und machten diese Reise zu der, die sie war: sicher, freundschaftlich und intensiv.

 Mit dem mulmigen Gefühl, mich um sie sorgen zu müssen, lasse ich neu gewonnene Freunde zurück und hoffe, dass es ihnen auch in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren gut gehen wird.

Erst danach habe ich mit einem deutschen Entwicklungshelfer gesprochen. Es war komisch zu hören, dass Entwicklungshelfer von deutsche Organisationen nur mit Panzerwagen dorthin fahren und auf keinen Fall über Nacht in Gaza schlafen dürfen.

Abdallah von PK-Gaza fragte mich an unserem Ankunftstag „What are you afraid of?“. Ich erzählte ihm etwas von der Meldung über Entführungen und dass wir darüber gehört haben. Rückblickend kann ich eine Aussage von einer YEC (Youth Empowerment Center; unsere Partnerorganisation vor Ort) Mitarbeiterin besser verstehen: Sie hat weniger Angst um ihre eigene Sicherheit und ihr Leben, sondern sorgt sich um das Leben und Wohlergehen ihrer Familie und Freunde.
Mit dem mulmigen Gefühl, mich um sie sorgen zu müssen, lasse ich neu gewonnene Freunde zurück und hoffe, dass es ihnen auch in den nächsten Wochen, Monaten und Jahren gut gehen wird.

Würde ich wieder fahren: Ja!
Hätte ich wieder Angst: Ja! (Parkour lehrt mich, Hand in Hand mit Angst zu leben und diese als wichtigen Sensor anzuerkennen)

Ich möchte den Mitarbeiter_innen der Caritas, aber vor allem des YEC danken, dass sie alles dafür getan haben, dass ich mich sicher und wohl fühlen konnte.

Philipp Raasch
ParkourONE Köln

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